In seinem Blogpost “Liebe Piraten, ihr nervt” schrieb Philip Brechler aka plaetzchen sich den Frust von der Seele. Ich habe dies zum Anlass genommen, ihm eine öffentliche Antwort zu schreiben.
Hallo Philip!
Ich kann dem Blogpost in vielen Punkten zustimmen. Denke ich z.B. an diverse selbsternannte Satzungshacker, an die “Immer den Senf-Dazugeber” an die “Was war dein letzter Fail auf Bundesebene-Frager” …natürlich nervt es. Früher hat man sich darüber aufgeregt, irgendwann laut gefacepalmt und zuletzt nur noch die Augen verdreht.
Doch zu den 100% Zustimmung fehlt es bei mir.
Du schreibst du hättest das Gefühl: “…dass diese Partei nur aus sozial inkompetenten, nicht Empathie-fähigen und realitätsfremden Nerds besteht!” weiter schreibst du “Ich will nicht Mitglied in einer Partei seien, die aus frustrierten Miesepetern besteht die kein Bock mehr auf Politik haben. Ich möchte Politik machen und zwar mit Leuten die das auch wirklich wollen!”
Nun, ich glaube, wir haben alle mehrere Gemeinsamkeiten die uns hierher gebracht haben. An erster Stelle war es die Unzufriedenheit mit der Politik der bisherigen Parteien. Versehen mit einem Schuss Außenseiterdasein und der Eigenschaft die Dinge genauer zu Hinterfragen, als andere es tun. Garniert mit etwas Frustration und Wut ließen diese Eigenschaften uns zu dem werden, was wir jetzt sind. Piraten.
Trotz der gemeinsamen Herkunft gibt es jedoch viele verschiedene Wege die bestritten werden können. Und ich denke, es gibt bei uns zwei verschiedene Ansatzpunkte, die jeweils von einer großen Gruppe favorisiert werden.
Die erste Gruppe versucht vorhandene politische Möglichkeiten auszuschöpfen um unsere Ideale und Ziele voran zu bringen. Man nimmt bevorzugt die vorhandenen Strukturen an, orientiert sich gerne an den anderen Parteien, versucht mit dem eigenen Handeln als Vorbild zu fungieren und Unterstützer zu gewinnen. Es funktioniert!
Die zweite Gruppe verfolgt einen etwas anderen Ansatz. Hier versucht man sich mit experimentellen Politik und Gesellschaftsmodellen von den vorhandenen Abzuheben. Etablierten Prozessen gibt man eher die Schuld am jetzigen Zustand. Man versucht hier nicht die vorhandenen Möglichkeiten als “Werkzeug” zu benutzen sondern fokussiert sich darauf, mit anderen Mitteln und Wegen Einfluss auf die Politik zu nehmen und Unterstützer zu gewinnen. Mit Hinblick auf die vernetze Informationsgesellschaft durchaus ein legitimer Weg. Hier zeigt sich ebenfalls, es funktioniert.
Problematisch wird es jedoch, wenn beide Gruppen aufeinander Treffen und sich die Unterstützer dieser in etwa die Wage halten. Das Risiko eines Streits und einer anschließenden Spaltung ist hier groß. Die Vergangenheit zeigt uns, ganze Landesverbände können so auseinander bröckeln. Eine Lösung, wie man dies verhindern kann, habe ich leider nicht. Doch würde uns eine Priese Verständnis für den jeweils anderen, gut tun.
Du schreibst: “Eine andere Fraktion sind diejenigen, die sich mal kurz ihre Grundsätze (Transparenz, Bürgerbeteiligung und natürlich der Datenschutz) zusammen gegooglelt haben und dann meinen sie könnten damit diskutieren.”
Sich Wissen zu ergooglen, um damit mit anderen zu diskutieren, ist nicht verwerflich. (Ich kenne sogar Leute, die haben sich ne’ Doktorarbeit…weißt schon)
Im Gegenteil, statt sich über ‘Halbwissen’ zu erregen, gilt es Anregungen zu schaffen, sich noch tiefer in die Materie einzuarbeiten. Ich muss kein ausgebildeter Datenschutzbeauftragter sein um etwas von Datenschutz zu verstehen, ich muss kein Betriebswirt sein um etwas übers BGE zu wissen. Und schon gar nicht muss ich Experte sein, um überhaupt etwas sagen zu dürfen. Viele dieser Bereiche waren auch bis vor kurzem für mich Neuland, doch erst durch die Diskussion mit anderen habe ich gelernt. Gespräche mit Mitgliedern anderer Parteien im Wahlkampf haben mir gezeigt, wir Piraten sind thematische Allrounder.
Um auf dein Ursprungsposting zurückzukommen. Ich denke du zählst dich zu der ersten Gruppe. Du scheinst frustriert und glaubst einen Schuldigen gefunden zu haben. Doch ich glaube du irrst. Die Menschen die du in den eigenen Reihen als “frustrierte Miesepeter” zu erkennen glaubst sind jene Menschen, die ähnlich wie du keinen Bock mehr haben, doch einen anderen Weg gehen. Sie sind weder sozial-inkompetent noch realitätsfremd. Indem du bevorzugt nur mit Menschen zusammenarbeiten willst, die in deinen Augen den richtigen Weg gewählt haben, wird die Situation für dich nicht besser. Eigentlich machst du damit sogar genau das, was du in deinem eigenen Blogpost selbst anprangerst.
Ich persönlich bin überzeugt davon, dass die Wahrheit wie immer, irgendwo in der Mitte liegt. Beide Gruppen haben in der Piratenpartei eine Existenzberechtigung.
Die Grenzen beider Gruppen verschwimmen sogar oft und so übernimmt die eine oft die Elemente des anderen. Eine Koexistenz beider Gruppen ist sinnvoll und sogar förderlich. Und wer weiß, vielleicht verschwimmen diese Grenzen irgendwann bis zur Unkenntlichkeit.
Und da jeder der schreibt, sich etwas wünschen kann, wünsche ich mir, dass wir uns in Zukunft mehr auf unsere Gemeinsamkeiten als Unterschiede konzentrieren. Das einzige was nervt ist die Tatsache das wir uns gegenseitig das Leben schwer machen.
Tschau
Lukas